Aus dem Gespräch von Anima und Christian:
Als ich neulich einem Freund zum Stereo-Denken riet, hat er mich ausgelacht: Griechisch »stereos« heißt »starr«, ist sogar dasselbe Wort; unser Denken soll aber gerade nicht starr sein, sondern flexibel, sich jeder Situation anschmiegen. Stereotypen verhaftet zu sein ist unreif.
»Starr« ist nur ein extremer Sinn von »stereos«, für die ersten Christen war es ein positives Wort, hieß einfach: fest. Feste Speise statt Milch sollen wir brauchen (Heb 5,12.14), fest im Glauben sein (Kol 2,5; 1 Pet 5,9), »der feste Grundstein Gottes hält stand« (2 Tim 2,19). Vermutlich kam es über die Begriffsreihe fest - Körper - Raum zur räumlichen Stereoskopie des 19. und Stereophonie des 20. Jahrhunderts. Dabei bleibt der ursprüngliche Sinn gewahrt: Damit eine Stereo-Spannung sich durchhalte, muß der Gegensatz der Pole mit Festigkeit auseinandergehalten werden; mit einem wabbeligen Gerät könnte Apoll weder die Zen-Kunst des Bogenschießens ausüben noch der Lyra süße Töne entlocken.
Ja: Nur schwache, unechte Esoterik verrührt polare Gegensätze zu Brei; mündiges Einheitsdenken muß ebenso fest sein wie der sturste Fundamentalismus -
Fester noch; denn der steht nur, inmitten seines Horizonts mit dem Radius Null, fest auf seinem einen Standpunkt, während Stereo-Denken mit Festigkeit die Spannung zweier Standpunkte aushält und ihre überrationale Einheit. Als Sänger habe ich das jüngst beim Weihnachtsoratorium gespürt. »Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben, so gib, daß wir im festen Glauben nach Deiner Macht und Hilfe sehn« - im festen Glauben: die Worte lassen mich nicht länger an einen Grundstein denken, dessen passive Festigkeit uns sicher stehen läßt, vielmehr gewahrte ich plötzlich einen federnden Bogen, mannshoch, mit straff gespannter Sehne. Von ihm abgeschnellt, saust der Pfeil unserer Sehnsucht mitsamt seiner Lebensleine über aller Zweifel Abgrund hinweg auf die andere, Ewige Seite, wo die Liebe ihn fängt und nimmer losläßt.