Jürgen Kuhlmann

Drei-einige Gesundheit

Dogmatik als Therapie

Für Walter Romahn, den Anstifter dieses Textes

A) Drei »Personen«

Seelisch gesund ist ein Mensch nach christlichem Glauben in dem Maß, wie er das Gleichgewicht des Göttlichen Lebens in sich selbst immer wieder neu ausbalanciert. Gottes drei-einiges Leben ereignet sich auch in uns als Ineinander-Schwingen von Beziehungen. Es gibt zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist keinen irgendwie inhaltlichen Unterschied; Juden, Christen, Muslime und Bahais glauben alle an denselben Einen Gott. Doch sind die Christen zudem überzeugt: Gott ist das unendliche Leben in echten Beziehungen, gemäß dem katholischen Dogma des Konzils von Florenz (1442, D 703). Danach "ist in Gott alles eins, wo nicht ein Gegensatz der Beziehung entgegensteht." Stellen wir uns zwei Menschen vor, die gerade denselben Bewusstseinsinhalt erleben, etwa ein musikalisch gebildetes Liebespaar im Konzert. Während sie exakt dasselbe hören, fühlen, verstehen, erlebt beim Ineinandertauchen ihrer Blicke doch jedes ihre drei Beziehungspole: DU ICH WIR. Die werden unmittelbar geistig erfahren, auch in ihrer (nicht inhaltlichen!) Gegensätzlichkeit, und helfen so zum Verständnis der drei göttlichen »Personen«:

DU bist Gott der Schöpfer und Herr, zu dem alle Gläubigen beten.

ICH ist/bin Dein ewiges Kind, das in Jesus Mensch geworden ist ("ehe Abraham ward, bin ICH" - Joh 8,58) und aller Glaubenden Ich in Sich zusammenfasst: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,20), bezeugt Paulus und fährt fort: "Ihr alle seid Einer in Jesus Christus" (3,28): Einer! Nicht bloß irgendwie eins, sondern in Person das Ur-ICH selbst, ähnlich wie in jedem Haaransatz wahrhaft du selbst, dein Gesamt-Ich, es spürt (und für einen Moment nichts anderes! - Gleichnis unserer je-individuellen Bewusstseins-Enge), wenn an dem Haar gezupft wird. Das Zweite Vatikanische Konzil stellt in einem so erstaunlichen wie unbekannten Satz über Christus fest: "Er hat sich bei der Menschwerdung irgendwie [quodammodo] mit jedem Menschen vereinigt" (GS 22). Wie ist dieses Irgendwie näher zu verstehen? [Auf jeden Fall stärker, als der Ausdruck "gewissermaßen" der offiziellen Übersetzung nahelegt. Es geht keineswegs um einen ungefähren Vergleich, vielmehr um eine echte Weise (modus) von Einung.]

WIR ist der Heilige Geist, die innergöttliche Liebe, die uns in sich birgt und alle Angst vertreibt, denn zu diesem UNS dürfen wir wahrhaft und für immer gehören.

B) Drei Relationen

In welchen Beziehungen leben die drei Sinnpole DU ICH WIR? Dazu sind im Lauf der Theologiegeschichte ganze Bibliotheken verfasst worden, das erzähle ich hier nicht, biete nur meine Antwort an. Die fordert von Laien aktives Mitdenken, von Spezialisten die Bereitschaft zu gründlichem Entlernen gutgelernter Engheiten. Denn entgegen der vorherrschenden Meinung ist das kirchliche Verständnis des Trinitätsdogmas keineswegs seit Jahrhunderten abgeschlossen. Meines hat sich in den vierzig Jahren seit dem ersten Überblick weiter geklärt und scheint inzwischen so ausgereift, dass ich es der großen Glaubensgemeinschaft anbiete in der Hoffnung, auch hier werde sich Max Plancks Feststellung bewahrheiten: "Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass die Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist."

I. Die drei-einigen Beziehungen einzeln betrachtet

1) Gabe / Wunsch-Dank

Beginnen wir beim katholischen Dogma des Konzils von Florenz (1439): »Der Heilige Geist hat sein Wesen und sein Selbstsein aus Vater und Sohn zugleich, aus beiden geht er ewig wie von Einem Prinzip und durch einzige Hauchung hervor« (D 691). Die Namen DU ICH WIR klären, was gemeint ist: Wie kommt es zu einem Wir? Indem du und ich zusammensein wollen, vielleicht im Hauch eines Kusses verschmelzen. Tatsächlich ist »Kuss« ein traditioneller Name des Heiligen Geistes. Entscheidend ist die Aussage »von Einem Prinzip«. Du und ich sind nicht erst als Wir eins, sondern schon (logisch) vorher: Bereits der WUNSCH-Hauch auf das Wir zu ist dir und mir gemeinsam, ebenso (logisch danach) unser beider freudiger DANK-Hauch für das Wir-Glück. Wunsch=Dank (in Gott nicht verschieden) steht im Beziehungsgegensatz zu unserem Wir, das sich uns – dich wie mich beglückend – als Liebes-GABE schenkt. Dies ist eine – in Gott selbst wirkliche – drei-einige Relation.

Weil der Gegenpol zum Heiligen Geist zwei Personen vereint, spricht die lateinische Theologie von »commune« (d.h. Gemeinsamem, im Unterschied zu »proprium« d.h. Eigenem). Du und ich, wir beziehen uns als ein commune auf das Wir als proprium. Diese trinitarische Relation ist die tiefste Wahrheit eines katholischen Feminismus. Im Namen der weiblichen Würde protestiert frau: Mit welchem Recht wird immer der Vater zum Urgrund, zum urgöttlichen Pol erklärt? Die Religionsgeschichte zeigt das Gegenteil; am Anfang steht die undifferenzierte mütterliche Einheit des Ganzen. Nicht einmal die patriarchalische Bibel konnte sie ganz verschweigen. »Göttliche Gischt brütete über den Wassern« (Gen 1,2), damit fängt alles an. Der erste Satz (»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde«) beschreibt noch kein Ereignis, ist vielmehr die Überschrift zum ganzen Bericht. Das Erste nach dem nichtigen Chaos ist die göttliche Eins-Dimension als Urschoß: Finsternis, Feuchte, brütende weibliche Lebendigkeit. Erst dann sprach Gott: Es werde Licht. [Dazu mehr]

Die erste Schrift mit kirchlicher Druckerlaubnis, die den Begriff Göttin (nicht das Wort) vorschlägt, wurde 1941 von Josef Zimmermann veröffentlicht (der deshalb später fast nicht Weihbischof von Augsburg geworden wäre). Er verglich die Sich als Heiliger Geist schenkende Liebe mit der weiblichen Caritas, ihren trinitarischen Gegenpol (das Vater und Kind gemeinsame Wünschen und Genießen IHRer Liebe) mit dem männlichen Amor.

Anders als die Tradition vermutet, spannen sich für meinen Glauben auch die anderen beiden innergöttlichen Beziehungsgegensätze je von einem proprium zu einem commune. Andernfalls wäre eine göttliche Person an einer göttlichen Beziehung unbeteiligt, das ist undenkbar.

2) Selbst / Ich

Sind VATER und Heilige GABE dem KIND gegenüber ein commune, dann verbinden sie sich zum Einen Ja-Blick, mit dem junge Eltern sich über die Wiege neigen. Wie »der« Heilige Geist (Jesus sagte »ruach«, lässt eher eine Sie als einen Er anklingen) innerhalb dieses Commune als Mutter beim Vater ist und mit ihm gemeinsam das Kind zum eigenen ICH-Sein erweckt, bildet eine weitere drei-einige Relation. Je anders prägt sie drei sehr verschiedene aber "trinitarisch identische" Denkwelten:

a) der (grüne) SELBST-Sektor wird als ein Prinzip erfasst, so ergibt sich die Selbstmystik der alten Inder [die Bhagavadgita, Gandhis ständige Begleiterin, ist als Reclam-Heft verfügbar], eines modischen Neu-Hinduismus mit erfolgreich missionierenden Gurus, auch des Deutschen Idealismus. Diese Trinitäts-Schaltung ist, wie jede, für Christen auch wahr, nur dann jedoch, wenn sie sich mit den anderen kat-holisch verträgt.

b) Man nimmt das Grün als Verbindung von Gelb (des männlichen Sonnenballs) und Blau (der weiblichen Meerflut) wahr. So fühlten sich die Menschen der entwickelten altorientalischen Religion, sie erblickten Göttin und Gott als Hohes Paar gleichberechtigt nebeneinander. Auch die Indiovölker in Mittel- und Südamerika verehren immer schon das Göttliche Paar. Ein Franziskaner, der lange Jahre mit dem Indio-Bischof Proaño in Ecuador zusammengearbeitet hat, berichtet: "Beim Volk der Kuna (in Panama) ist Gott Mann und Frau zugleich, Paba und Nana, Vater und Mutter ... Paba allein ist noch nicht Gott, und Nana allein ist nicht Göttin, beide zusammen erst sind Gott. Ihre Beziehung zueinander ereignet sich von gleich zu gleich. In der Zweiheit der Person Gottes erscheint sein väterliches und mütterliches Antlitz zugleich."[E. Rosner, Der Traum von einer indianischen Kirche (S. 20). Nr. 60 (1995) der Schriften der Missionszentrale der Franziskaner]. Auch ein kaum vergangener Katholizismus fühlte so. Mir fällt ein, wie vor Jahren ein französischer Bub im Ferienlager das Abendgebet eingeleitet hat: "Jetzt wollen wir unserem Vater und unserer Mutter im Himmel danken für den schönen Tag, den sie uns geschenkt haben." Folgten ein Vaterunser und ein Ave-Maria. Vor Weisen und Klugen verborgen, den Kleinen aber geoffenbart. Vater und Mutter gehören zueinander, das ist doch klar. Die Mutter Gottes als "Ikone", als lebendiges menschliches Bild für Gott, "der" auch Mutter ist - das ist seit alters die katholische und orthodoxe Fassung dieser Heilsrelation.

c) Auf den roten Ich-Sektor fällt der innere Blick bei uns im Westen und überall, wo man den Sinn des Lebens in der eigenen Perspektive eines je bestimmten ICH erblickt. Auch vernünftiger Humanismus ist eine gültige trinitarische Schaltung. Dabei verschwimmt unser göttlicher SELBST-Gegenpol im Unfassbaren; die Tradition spricht von negativer Theologie. Nicht rein weiß in sich, aber strahlend bunt offenbart die Sonne sich durch die Domrosette.

3) Herr / Demut

Was ist, bei der dritten drei-einigen Relation, dem Vater gegenüber, das Commune von Sohn und Heiligem Geist? Die Antwort ist nicht minder überraschend. Beide sind ja unendlich verschieden, kommen einzig darin überein, dass sie aufgrund der strengen "relationis oppositio" (D 703) nicht Gott der Vater sind. Wer so (weil trinitarisches Commune) zum göttlichen Bereich gehört aber gerade nicht Gott ist sondern ganz auf Gott bezogen - das ist niemand anderer als SIE, die reine Schöpfung selbst. Von ihr las der Arbeiterstudent Karol Wojtyla während mancher Pause in der Fabrik, vielleicht auch den Satz, den er anderthalb Jahre vor seinem Tod in einem Lehrschreiben zitieren wird: »Maria ist ganz auf Gott bezogen und ich möchte sie treffend die Beziehung Gottes nennen, die nur durch Bezug auf Gott ist, oder Gottes Echo, das nur Gott sagt und wiedergibt.« Dieser violette Sektor der Magd des Herrn ist Mariens Proprium, unterschieden von ihr als blauer Ikone der göttlichen Mutterschaft. Bei einem Fest der Marianischen Congregation im Germanikum habe ich als Jünger von Wilhelm Klein manches Kopfschütteln provoziert, als ich Maria 1964 als die Kirche in Person zu preisen versuchte.

II. Die drei-einigen Beziehungen miteinander betrachtet

1) Ursprung: Jesu Gleichnis der Verlorenen Söhne (und ihrer Schwester)

Was für unseren Glauben in Gott als Lebensfülle schwingt, fällt als unsere Teilhabe an ihr zu dramatischen Bruchstücken auseinander. Breit entfaltet werden sie als Geschichte des Gottesvolkes von Adam bis zum Jüngsten Tag, ihren Kern hat Jesus in der Perle seiner Gleichnisse zusammengefasst. Im älteren Sohn lebt (violett) das Du, im jüngeren (rot) das Ich, in beider (von der Bibel verschwiegener) kleiner Schwester (orange) das Geborgensein in der (blauen) Mutterliebe, während der Vater für zwei Pole steht: den Herrn (gelb) des Braven wie das Selbst (grün), das den Freien unbedingt bejaht. Ausführlich habe ich diese Sicht 1992 im Buch "Friedliche Spannung" veröffentlicht (als pdf-Datei bestellbar), die einschlägigen Seiten (25 ff) sind hier lesbar.

Die Spannung der Sinnpole Du und Ich durchzieht die große Geschichte wie deren winzige Episoden. Die Ich-Propheten eines gottlosen Humanismus lügen nicht mit dem, was sie positiv meinen, nur durch ihr Nein zum Du-Pol. Diesem Nein werden Christen immer widersprechen – sollen dabei aber nicht zu einseitigen Gefolgsleuten des älteren verlorenen Sohnes werden. Seines Bruders Freimut ist auch Jesu und unsere Wahrheit. Sooft gehorsames Du und selbstbewusstes Ich einander im Ausdruck widersprechen müssen, lässt das Gewissen die stets gelebte Stereo-Einheit beider göttlichen Pole sich mal so mal anders auswirken. So entsteht die Dramatik der Geschichte mit ihren Konflikten: Jude / Heide, Religiöse / Humanisten, Konservative / Progressive im Großen, sowie, im Kleinen, jedem Gezerre zwischen Autorität oben und Eigenwürde unten: "Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst ..." Anerkennen beide Seiten ausdrücklich, dass jeder Pol absolut berechtigt ist, dann ist der praktische Konflikt, wie mit der Spannung hier und jetzt umzugehen sei, zuinnerst entgiftet; Kompromisse, sogar einseitige Lösungen werden erträglicher, als sie ohne solch gemeinsames Anerkennen des unteilbaren Ganzen wären.

2) Vorspiel: Liturgische Phantasie

Während der Tauf-Aktualisierung im Sauna-Tauchbecken war mir heute bei "und des Kindes" so, als würde mir eine geistliche Verbindung zu all denen freigeschaltet, die – als atheistische Humanisten – speziell in dieser Dimension leben.

3) [Systematische Weiterführung]

Der Wunschzettel eines Buben in Naila, der vermutlich nie Nietzsche gelesen hatte, endete 1966 so: "9. Jesus sein. 10. Gott sein." Ist sein Wunsch erfüllbar? Ja und nein. Gott sein kann ein Mensch im selben Sinn, wie der Finger, mit dem ich dies tippe, ich ist: weil nämlich mein Gesamt-Ich selbst sich im Finger am Leben weiß. Von tief innen her reicht meine Selbst-Identität in jedes Glied. Dem (auf unbegreiflich erhabene Weise) entsprechend bin ICH, das auch in diesem Menschen an-wesende SELBST aller Wesen, in Wahrheit Gott.

"ICH" bedeutet, so im Vollsinn gemeint, allerdings nicht mich als begrenztes Ego, sondern dessen innersten Wurzelgrund inseits jeder Bestimmtheit. Ist mit "ich" – wie meist – eine solche gemeint, also ich als dieser, müssen wir die drei Sinndimensionen Frömmigkeit, Selbstmystik und Einheitsmystik sowohl unterscheiden als auch verbinden. So erklärt und löst sich der Konflikt Meister Eckharts mit der Amtskirche. Er erfuhr in sich das göttliche SELBST und EINS, sie besteht bis heute auf dem DU – aus zwei Gründen.

a) Zum einen, weil sie zu Leuten spricht, die mit "ich" schlicht diesen bestimmten, gegen andere abgegrenzten Menschen meinen. Keineswegs nur aus manipulatorischem Machtstreben warnt das kirchliche Amt vor der Mystik (derzeit in den Fällen Willigis und Mello), nicht bloß wegen soziologisch erklärbarer Gründe (die spielen mit), sondern für seine existentielle Botschaft. In der Ich-Dimension (rot dank Grün) sich wie den Mitmenschen als göttlichen Selbstvollzug zu glauben ist der tiefste Grund der Menschenwürde; sich in der Eins-Dimension (orange im Blau) meditierend wie ein Embryo im Schoß der Großen Lebendigkeit zu erfahren, ist Buddhas Gabe auch an uns.

Selbstverständlich kämpfen echte Mystiker gleichfalls gegen den Egoismus unerleuchteter Nichtse, ihre Strenge schafft es aber kaum bis zu den Anhängern westlicher Wellness-Esoterik. In unserer seit Jahrtausenden monotheistisch geprägten Kultur, wo sogar Atheisten dauernd von Gott reden, gilt trotz aller Untaten im Namen Gottes doch Dostojewskis Einsicht: Ohne Gott wäre alles erlaubt. Wie anders, als Gottes Gericht anrufend, könnte das geschundene Judenkind – gleich dem jungen Makkabäer damals (2 Makk 7,36) – gegen den SS-Mann Recht behalten? Mit Mystik kann es den nicht aufschrecken! Sondern die Kirche (und zwar im wahren Sinn, der uns Glaubende mit meint) muss unsere Verantwortung vor Gott dem Herrn allen verkünden. Dies ist die dunkle Seite unserer Du-Beziehung zu Gott.

b) Ihre helle Seite ist, im Konzert der Sinnwelten, das strahlend Besondere des jüdisch-christlichen Glaubens, für mich am schönsten erklärt von Gilbert Chesterton: "Liebe ersehnt Persönlichkeit; deshalb ersehnt Liebe Teilung. Instinktiv freut sich das Christentum, daß Gott das Universum in kleine Stücke gebrochen hat, weil es lebendige Stücke sind. Instinktiv sagt es lieber 'Kindlein liebt einander,' als einer großen Person zu sagen, sie solle sich selbst lieben ... Die östliche Gottheit gleicht einem Riesen, der Bein oder Hand verloren hat und immerzu danach sucht; die christliche Macht hingegen ist wie ein Riese, der sich in seltsamer Großzügigkeit die rechte Hand abschneidet, so daß sie von sich aus ihm die Hand geben kann" [Gilbert Chesterton, Orthodoxy, London 1909,243]. Als Triumph über den Osten missdeutet, wäre dies bloß eine Ideologie der Selbstentfremdung; als hochdramatische Belebung der (wahren!) Selbst- und Eins-Mystik durch Freundschaft lässt der Du-Glaube die christliche Seele aufjubeln, wenn sie wie Teresa des Geliebten Stimme vernimmt:

De tal suerte pudo amor,
Alma, en Mí te retratar,
Que ningún sabio pintor
Supiera con tal primor
Tal imagen estampar.

Fuiste por amor criada
Hermosa, bella, y así
En mis entrañas pintada,
Si te perdieres, mi amada,
Alma, buscarte has en Mí.

Que Yo sé que te hallarás
En mi pecho retratada
Y tan al vivo sacada
Que si te ves te holgarás
Viéndote tan bien pintada.

Y si acaso no supieres
Dónde me hallarás a Mí,
No andes de aquí para allí
Sino, si hallarme quisieres
A Mí, buscarme has en tí.

Porque tú eres mi aposento,
Eres mi casa y morada
Y así llamo en cualquier tiempo,
Si hallo en tu pensamiento
Estar la puerta cerrada.

Fuera de tí no hay buscarme,
Porque para hallarme a Mí,
Bastará sólo llamarme
Que a ti iré sin tardarme
Y a Mí buscarme has en ti.

Solcherart konnte Liebe,
Seele, in Mir dich abbilden,
daß kein weiser Maler
wüßte mit solcher Kunst
solches Bild zu drucken.

Du wardst durch Liebe geschaffen
anmutig, schön und so
in meinem Innern gemalt.
Wenn du dich verlierst, meine Geliebte,
Seele, mußt du dich suchen in Mir

Denn ich weiß, du wirst dich finden
in meiner Brust abgebildet
und so lebendig getroffen, daß wenn
du dich siehst, du dich freuen wirst,
sehend dich so wohl gemalt.

Und wenn du vielleicht nicht weißt,
wo du Mich finden sollst,
geh nicht von hier nach da,
sondern wenn du Mich finden möchtest,
mußt du Mich suchen in dir.

Denn du bist meine Herberge,
bist mein Haus und (meine) Wohnung,
und so rufe ich zu jeglicher Zeit,
wenn ich finde: in deinem Denken
ist die Tür versperrt.

Außerhalb deiner mußt du Mich nicht suchen,
denn um mich zu finden,
wird es genügen, nur mich zu rufen,
Und zu dir gehe Ich ohne Zögern,
und Mich suchen mußt du in dir.

Obwohl die Schöpfung von Natur aus nicht Gott ist, mithin (denn Gott ist das Sein) "ein reines Nichts" wäre (Eckhart, D 526), lässt DU sie nicht in der Nichtigkeit. Vielmehr willst DU sie als echte Partnerin, verwandelst deshalb das Grau eines belanglosen Es in den Glanz Deiner vergotteten Freundin Sophia. Nicht-Gott in Person bleibt die Begnadete (Lk 1,28), wie die Königin nicht der König ist; auf die Natur gesehen wird sie aber [als Commune von Logos und Pneuma] zu göttlichem Rang erhoben, die (in unserer trinitarischen Farbsymbolik violette, real aber) "bunte Pracht" der Einen Braut (Ps 45,15) offenbart "Gottes vielbunte Weisheit" (Eph 3,10). Katholische Maler von Mariens Krönung und christliche Dichter haben dieses Glaubensgeheimnis anscheinend tiefer verstanden als bisher die gelehrte Theologie. Im Gemälde von El Greco wird anschaulich, was Petrarca in der letzten Ode zögernd ("du unsere Göttin, wenn's zu sagen erlaubt und passend ist") und Goethe im Faust-Schluss unumwunden bekennt ("Göttin, bleibe gnädig!").

Weil es Gleichrangigkeit nicht ohne Wechselseits gibt, dürfen wir über das bisher Bedachte hinaus noch einen Schritt weiter gehen, deshalb biete ich meinen Mitchristen diese m.W. unerhörte These an: Maria verdankt Christus ihre Vergottung, Christus verdankt seiner Mutter die Du-Beziehung zu Gott. Hätte der LOGOS nicht aus der reinen Schöpfung seine endliche Natur samt deren Nicht-Gott-Sein, so wäre er zwar von Ewigkeit zu Ewigkeit Gottes vollkommenes Selbst-Wort "ICH", nicht aber das echte Du von Anbetung und Gehorsam. Ebenso wäre der Heilige Geist ohne die Schöpfung zwar der göttliche Wille zur Selbst-Identität "ICH" = ICH !, könnte aber nicht das WIR wahrer Liebe sein, solche erfordert den Gegensatz von Ich und Du. Zu Gott gegensätzlich ist allein das Nichts. Nur weil Christus aus Maria die Teilhabe an der Nichtigkeit annimmt, gibt es in Gott die Dreieinigkeit ICH-DU-WIR. Weil Christus ohne Maria zwar Gottes Selbstaussage aber nicht Gottes Sohn wäre, deshalb preisen wir sie wahrhaft als Mutter Gottes; weil das Geschaffene ohne Christus nur ein ungöttlich belangloses Etwas wäre, nicht Gottes Partnerin, deshalb beten wir Christus als einzigen Heiland an.

So glaube ich an das heilsame Ineinander dreier göttlicher Beziehungen zwischen je einer Person und dem ungeteilt einen Commune der beiden anderen Personen. Jede göttliche Person bezieht sich auf die beiden anderen zusammen. Nicht nur der Heilige Geist bezieht sich als Proprium auf ein Commune, sondern jede innergöttliche Relation schwingt von einem Proprium zu einem Commune. Da es in Gott kein Größer oder Kleiner, Früher oder Später gibt, ist dies die einzige logische Sicht, jede andere stört die reine Vollkommenheit der Beziehungen. Auch beim Commune darf man nicht an Zweiheit denken. Dass der Heilige Geist von Vater und Sohn "als von einem Prinzip" ausgeht, ist (Florenz, D 691) definierte Glaubenslehre; auch die Communia, die dem Vater und dem Sohn gegenüberstehen, sind jeweils nur ein Prinzip. Es scheint sogar, als dürfe unser Glaubensverständnis sich noch einen Schritt weiter wagen, hin zu einer Vermutung, die traditionell gelehrten Theologen als aufregendes Abenteuer vorkommen muss; mich hat sie elektrisiert.

Die Begriffe "Person" und "Commune" lassen sich in der göttlichen Helle nicht mehr unterscheiden, beide sind absolut einfache Beziehungspole. Jede Person steht dem Commune gegenüber, in dem sie nicht enthalten ist, und hat teil an den beiden anderen Communia; jedes Commune steht der in ihm nicht enthaltenen Person gegenüber und enthält die beiden anderen Personen. Da nun wegen der göttlichen Einfachheit an sich keinerlei Unterschied zwischen Enthaltensein, Teilhabe und Enthalten ist, lassen die Begriffe "Person" und "Commune" sich ohne Änderung des Gehalts vertauschen. Jedes Commune enthält zwei Personen und bezieht sich auf die dritte, jede Person hat an zwei Communia teil und bezieht sich auf das dritte. Welche der beiden Dreiheiten als Personen und welche als Communia gelten, liegt mithin nicht an der Trinität in sich, sondern an den Tat-Sachen der Offenbarungs- und Theologiegeschichte. Am passendsten scheint es mir deshalb, von sechs göttlichen Lieben zu sprechen. Die Mehrzahlform ist ungebräuchlich, ich halte den Begriff jedoch für ein wahrhaft christliches Denken sehr angemessen. »Gott ist (die) Liebe«, heißt ein Kernsatz der Offenbarung (1 Joh 4,8.16); da die göttliche Liebe je anders von sechs Sinnpolen aus und zu ihnen hin schwingt, wollen wir diese grundlegenden Vollzüge von Liebe jetzt näher erwägen. Wer jede lebt und mit den anderen im Gleichgewicht hält, ist seelisch gesund.

Ehe wir die sechs Lieben einzeln bedenken, erinnere ich an die Grundwahrheit: Keine von ihnen gilt isoliert, jede nur im lebendigen Verbund mit allen anderen. Nachdenkend müssen wir sie sondern; schwänge dabei aber nicht ihr untrennbares Ineinander im Hintergrund mit, entstünde statt einer Gesamtschau bloß eine Folge gegensätzlicher Irrtümer. Wir wenden uns den Liebesweisen etwa so zu, wie jemand sich im Konzert mal auf dieses dann auf jenes Instrument konzentriert – keinesfalls wie einer, der im Konservatorium verschiedene Übungszimmer nacheinander betritt.

C) Sechs Lieben

Am Schluss seines Evangeliums berichtet Matthäus, der auferstandene Christus selbst habe seine Freunde angewiesen, zu allen Völkern zu gehen, sie zu lehren und zu taufen "im Namen des Vaters und des Kindes und der Heiligen Atmung." Der deutsche Wortlaut ist ungewohnt, laut dem offiziellen Text, den schon Kinder beim Kreuzzeichen sprechen und zu Beginn jeder heiligen Messe hören, wären die drei göttlichen Personen alle männlich, "des, des, des". Der ärztliche Leiter eines bayerischen Müttergenesungsheims sah hier die Ursache der Depressionen vieler dieser Frauen: Schon als kleine Mädchen erfuhren sie den Himmel total männlich dominiert – wie sollte frau da nicht schwermütig werden! So weit muss man nicht gehen, doch halte ich es im Rahmen unseres Themas für geboten, keineswegs den biblischen Wortlaut zu ändern, wohl aber dessen Übersetzung so "rund" zu gestalten, wie unsere Sprache es zum Glück erlaubt.

Würde die Taufformel im Sinn eines Nebeneinander dreier Personen verstanden, so würfen Juden und Muslime uns Christen mit Recht Vielgötterei vor. Anders, wenn es sich beim Kreuzzeichen um so etwas handelt wie eine geistliche "Schaltanweisung": Begib dich zuerst im Namen des Vaters (während du deine Hand zur Stirn hinauf führst) in die Dimension (violett <=> gelb) Geschöpf / Gott, schalte dich dann im Namen des Kindes um (während die Hand nach unten zur Brust geht), in die andere Dimension (grün <=> rot) Selbst / Ich, und schalte dich schließlich (während die Hand von links nach rechts geht [in der Ostkirche umgekehrt]) erneut um in die dritte göttliche Dimension (orange <=> blau) vom Wunsch zur Gabe und von der Gabe zum Dank. ["Schalt dich, mein Herz!", ermuntert ein kleines Lied.]

In jeder dieser Sinndimensionen wirkt der ganze göttliche Reichtum aller drei "Personen", und doch spannen sich in drei Polaritäten (Proprium <=> Commune) sechs Sinn-Pole zueinander, sechs verschiedene Weisen vollkommener Liebe. Bei dieser unendlichen Liebesfülle dürfen, als "Mitinhaber der göttlichen Natur" (2 Petr 1,4), wir dabei sein! Und zwar auf zwei deutlich unterschiedene Weisen: Zum einen sind wir, weil in Christus geschaffen (Kol 1,16), einbezogen in seine drei Beziehungen (1. violett) zum Vater, (2. rot) zum Selbst, (3. orange) zur Heiligen Atmung. Auf alle drei Weisen kann ein Mensch sich (etwa als Einsiedler oder in der Wüste verirrt) auch unmittelbar auf einen göttlichen Lebenspol beziehen, ohne Vermittlung eines Geschöpfes – so hilfreich solche Vermittlungen uns normalerweise sind. Zum andern nehmen wir in Christus auch an den übrigen Sinnpolen teil, Theologen sprechen vom Geheimnis der Perichorese. Auch dabei beziehen wir uns wahrhaft auf Gott in ihm selbst, doch nie ohne geschöpfliche Vermittlung, vielmehr stets so, dass Gott in Geschöpfen geliebt werden will. Im göttlichen Selbst (4. grün) mitlebend bejahen wir jedes menschliche Ich unbedingt, den Heiligen Geist göttlicher Mutterliebe (5. blau) mitvollziehend lassen wir unsere Mitmenschen ihre Geborgenheit in der unendlichen Güte spüren; beide Liebesweisen bilden zusammen die Nächstenliebe aus Achtung und Wärme. Auch die dritte darf nicht fehlen: die Teilhabe an der Herrschaft (6. gelb) des Vaters, der als gute Autorität gegen lieblosen Egoismus streng auftreten muss.

1) Gehorsame Liebe zu Gott antwortet Gottes mich berufender Liebe

Gott spricht "Es werde!" und es wird. Das ist die gemeinsame Wahrheit der "abrahamischen" Religionen Judentum, Christentum, Islam und Bahaitum. Du, Gott, rufst uns zum Leben vor Dir, auf Dich richtet sich unser Blick, zur Sonne aller Wesen. Wer an DICH glaubt, dem muss dieser Pol nicht erklärt werden.

Als Dein geschaffenes Du, die Schöpfung in Person, sind wir Kreaturen ins göttliche Leben einbezogen. Das Ja zur selben Beziehung Geschöpf / Gott eint die monotheistischen Glaubensweisen und erlaubt, über respektvollen Dialog hinaus (anders, als strenge Hierarchen dekretieren) durchaus ein wahrhaft gemeinsames Gebet. Die Jüdin Maria – in ihr tritt der Sinnpol Schöpfung als geschichtlicher Mensch auf – wird als einzige Frau im Koran namentlich erwähnt und hoch verehrt (auch Muslime pilgern nach Lourdes), warum sollten wir an Gott Glaubenden IHN nicht in ihrem Geist gemeinsam anbeten?

Die Schöpfung ist ja keineswegs jenes bloße Auseinander und Nacheinander, als welches das All den Wissenschaftlern vorkommt. Am Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens legte die katholische Liturgie ihr vor dem Konzil ganz erstaunliche Worte aus dem Alten Testament in den Mund: »Der Herr besaß mich im Anfang seiner Wege, ehedenn er etwas gemacht hat, von Anbeginn. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von alters her, ehedenn die Erde geworden« (Spr 8,22). Sophia-Maria, die reine Schöpfung, steht nicht als Fremde historisch vor, himmlisch über uns, sondern ist vor allen Anfängen schon unser Lebensprinzip. Bei jedem (gebeteten oder im Chor gesungenen) "wie im Anfang" weiß ich mich unter ihrem Schutzmantel.

Demut vor Gott ist Mariens Eigenwahrheit (»Siehe ich bin die Magd des Herrn«); als Mensch gewordener "Gott in Maria" (so sagte oft Wilhelm Klein) hat Jesus ihr reines Du des Nicht-Gott-Seins mit vollzogen (Phil 2,6), am Ölberg aufs Bitterste verkostet ("nicht wie ich will sondern wie du willst") und bis ans Kreuz gehorsam durchgetragen, auch für aber nicht ohne uns, jedes seiner späteren Glieder.

Im älteren Sohn des Gleichnisses hat Jesus die Dramatik dieses Du-Pols dargestellt. Angesichts der anderen, unbedingten Liebe des Vaters zum selbstsüchtigen jüngeren Bruder zweifelt er an der bisher so treu vollzogenen Gestalt seiner Liebe und will nicht mit feiern. Erst sobald er sich (hoffentlich doch) von seiner Du-Ideologie zur in sich gespannten Fülle der ganzen göttlichen Liebe bekehrt, den Festsaal betritt und seinem Bruder verzeiht, geht ihm die jedem Verstand unfassbare Tiefe und bleibende Wahrheit der eigenen Liebeserfahrung auf.

2) Ich-Vertrauen entspricht dem unbedingten Ja des göttlichen Selbst zu mir

"Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir ist?" Dieses Wort Jesu bei Johannes (14,10) begründet den christlichen Humanismus. "Als Abbild Gottes" (Gen 1,27) sind wir geschaffen; versuchen wir also, unsere geheimnisvolle Selbigkeit mit Ihm dank dem Abbild zu verstehen, das wir sind. Jesus sagt von sich: Ich bin in Gott und Gott in mir. Meine Finger schreiben: "Wir sind in unserem Ich und unser Ich ist in uns." Das stimmte auch gestern früh, als sie ohne Handschuhe auf dem Fahrrad unterwegs waren und solange froren, bis wenigstens der Daumen von den übrigen umfangen und gewärmt wurde. Im Daumen spürte ich die Wärme, in den anderen Fingern den Frost. Alle lebten sie in mir, ihr schmerzlicher Gegensatz geschah in meinem Bewusstsein. Als Daumen freute ich mich über der anderen Dienst, als diese wollte ich ihn leisten.

Umgekehrt bin auch ich in meinen Fingern. Insofern war es meinem Selbst nicht warm und nicht kalt. Wäre mir gar die Hand abgefroren, bliebe ich doch, solange ich bei Bewusstsein bin, immer ich selbst. So ermöglicht das Fingergleichnis ein deutliches Verständnis der beiden göttlichen Beziehungspole SELBST (grün) und ICH (rot).

Der Ich-Humanismus nimmt die verschiedenen Ich-Weisen als die eigentliche Wirklichkeit wahr und ernst. Er ist die im religionslos gewordenen Westen herrschende Überzeugung. Seine Dramatik wird von Jesus im Verlorenen Sohn aufgezeigt. Angeekelt von seines superbraven Bruders Gehässigkeit, flieht der Jüngere von daheim und merkt erst kurz vor dem bitteren Ende im (ökologischen und wirtschaftlichen) Schweinestall, dass er Wichtiges ausgeblendet hat. Während ihm trotz seines Gestanks der Vater um den Hals fällt, erlebt er in dessen strahlendem Ja-Blick und gleich darauf der mütterlichen Umarmung die zuvor nie begriffene Einheit der Ich-, Du- und Eins-Dimension. Ist dann das Mastkalb verzehrt, krempelt auch er die Ärmel hoch, um gehorsam und stolz zugleich seine Arbeit zu tun.

3) Urvertrauen antwortet auf mein Geborgensein im göttlichen Mutterschoß

Jesus war dem Vater gehorsam, hat sich (zweitens) als freies Ich erlebt und (drittens) "im Heiligen Geist gejubelt" (Lk 10,21). Diese innergöttliche Beziehung wird im Christentum zwar gelebt aber noch kaum bedacht. In ihr begegnet das Göttliche gerade nicht als (andere) Person, vielmehr als all-umfassende Große Einheit. Das wird im Familiengleichnis angedeutet: Er und Es finden in Ihr das Glück. Ein Embryo kennt seine Mutter nicht als Person; als er begann, war ihre Andersheit bestenfalls auch seinem Vater momentan entschwunden.

"Wie ein Kind an der Mutter Brust, wie ein Kind, so ruht meine Seele in mir", diesen Psalmvers (131,2) hat wohl auch Jesus gebetet. Im Getümmel der Konflikte hat er vom Schwesterchen der Verlorenen Söhne nichts gesagt; ich erfinde sie dazu. Ihre Dramatik ist anders als die beiden der Brüder. Als kleine Kinder fühlten alle drei sich daheim friedlich geborgen, später blieben die widersprüchlichen Gefühle der Brüder ihr fremd – oder? Hat sie dem Fortgehenden sehnsüchtig nachgeblickt? Gleichfalls wütend? Nur traurig? Ich stelle mir vor, wie sie beide Brüder für einseitig und dumm hält. Erst nach der Heimkehr des Jüngeren, und nachdem der Ältere sich zuletzt doch versöhnlich zeigt, sieht sie bei langen Gesprächen ein, dass auch ihre naive Friedlichkeit nur eine, keineswegs die Wahrheit des Beziehungsgeflechtes war. So musste auch sie sich bekehren: von ideologischer Verschwommenheit im bloß großen Ganzen (wie heutige Esoteriker(innen) sie so lieben) zur ausdrücklichen Anerkennung durchaus gegensätzlicher Sinndimensionen.

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Soviel zu unseren - auch ohne Vermittlung von Geschöpfen möglichen - drei Beziehungen zu Gott in ihm selbst. [Ihr sechstaktiger Rhythmus lässt sich in einem ähnlichen Kreisbild darstellen, das aber mit dem hier benutzten nicht verwechselt werden darf. Hier bilden drei Polaritäten so sechs Pole, dass der Beziehungspfeil durch die Mitte von Pol zu Gegenpol strebt; beim Rhythmus treten nur die Pole Violett, Rot und Orange auf, jeder vor und nach dem Entschluss als Mitte des Rhythmus.] Bei den folgenden drei Beziehungen richten wir uns ebenfalls auf Gott selbst, immer so jedoch, dass ein geschaffenes Relationsziel uns das innergöttliche repräsentiert.

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4) Bejahende Selbst- und Nächstenliebe achtet unbedingt jedes Ich

Es ist fürs Verständnis nicht dasselbe, ob ich die mich von innen her bejahende Liebe Gottes annehme (rot) oder mich sozusagen, schon ehe sie mich erreicht, in ihr bedingungsloses Ja einschwinge (grün). Auch dazu bin ich berufen und das ist entscheidend; denn nur mit diesem allem Individuellen voraus gehenden Ja kann ich einen Mitmenschen lieben wie mich selbst (Raimon Panikkar verdeutlicht: "als mich selbst), d.h. wie ich mit göttlicher Selbst-Liebe geliebt bin. Nicht als mein Ich, allein als unser gemeinsames Selbst kann ich das fremde Ich so unbedingt bejahen, wie es das als göttlicher Funken verdient. Dass die Brahmanen trotz ihrer Selbstmystik diese Folgerung nicht zogen, die Massen vielmehr ungerührt im Elend verkommen ließen, spricht nicht gegen die innere Wahrheit der Selbstmystik, beweist nur, wie schwach menschliches Klügeln ist. Noch schlimmer als dem Kastenlosen, den der vornehme Advaitin (Nicht-Zweier) übersah, ging es in der Christenheit dem Ketzer, der angeblich auf Gottes Befehl verbrannt wurde, und in der Moderne den Opfern revolutionären Verstandeseifers. Offenkundig macht es weder Identitätsmystik noch Religion noch Humanismus, sondern allein der Mut zur Liebe.

Eine bezaubernde indische Anekdote erzählt, wie ein pseudomystischer Wahn dank einer Begegnung mit der Realität geheilt wird: Ein alter Guru war gerade dabei, die Geheimlehren, in die er einen fortgeschrittenen Schüler eingeführt hatte, abzuschließen. "Alles ist Gott", sagte der weise Lehrer, "das Unendliche, rein und wirklich, grenzenlos und jenseits der Gegensatzpaare, bar aller unterscheidenden Eigenschaften und aller beschränkenden Kennzeichen. Diese Lehre ist das 'Ende der Veden'."

Der Schüler vernahm es und begriff: Gott ist das einzig Wirkliche. In allen Dingen webt das Göttliche leidlos und ungreifbar, alle Gestalten, alle Ich und Du der Welt sind nur der Schleier seiner Mâyâ. Ein ungeheures Gefühl befiel ihn; er kam sich wie eine große lichte Wolke vor, die unaufhaltsam wachsend den ganzen Himmel erfüllt, und wie eine Wolke ging er umher, aller Schwere ledig.

In erhabener Alleinsamkeit hielt er die Mitte der Straße - da kam ihm ein Elefant entgegen. Der Treiber, der oben dem Tier im Nacken saß, rief herunter: "Platz da! Platz da!", und die Schellen am Leibe des Riesen umspielten seinen lautlos wogenden Gang mit silbernem Klingen.

Der Schüler hörte und sah ihn wohl trotz seiner Verzückung, aber wich ihm nicht aus. Er sprach bei sich selbst: "Warum sollte ich Platz machen? Ich bin Gott und der Elefant ist Gott. Soll Gott sich vor sich selber fürchten?" Furchtlos ging er dem Tier geradewegs entgegen - da packte ihn der Elefant im letzten Augenblick, umschlang ihn mit seinem Rüssel, schwang ihn beiseite und setzte ihn unsanft in den Staub.

Zerschlagen und bestaubt kam der Schüler zu seinem Lehrer und erzählte ihm die Begegnung. Der Guru sagte: "Du hast ganz recht: du bist Gott und der Elefant ist Gott - aber warum hast du nicht auf Gottes Stimme gehört, die oben vom Elefanten herunter zu dir sprach?" [Heinrich Zimmer, Philosophie und Religion Indiens (Zürich 1961), 32 f].

5) Bergende Selbst- und Nächstenliebe schenkt mit die göttliche Huld

Während die Selbst-Schaltung (grün) mein und meines Nächsten Ich stabilisiert, gerade als dieses bestimmte Ich achtet, schenkt die Eins-Schaltung (blau) mir wie meinem Nächsten Geborgenheit im Frieden des Ganzen. Tröstet eine Mutter ihr schluchzendes Kind "ist schon alles gut!", dann wird sie zum Sakrament der absoluten Zärtlichkeit, die dem Glauben sogar im schlimmsten Unglück wirklich ist. "Auch hier ist Gott", stöhnte der Rabbi, als ihn die höhnenden Mörder in die Jauchegrube des KZ gestoßen hatten. Auf dem Weg zu solchem Glauben hatten viele ihm geholfen, die mitwirkten an der guten Atmosphäre, die ihn umgab.

Sie ist keine abgegrenzte Person gegenüber, sondern das schützende Große Wir. "Gell ich g'hör zu uns", strahlte der kleine Gilbert, heute wird er 29. Sich nach dem Wir sehnen und an ihm freuen (orange) ist das eine, es mit bilden und schenken (blau) das andere. Trennen lassen beide Wir-Pole sich in der Wirklichkeit nicht, sie zu unterscheiden ist trotzdem ratsam; dann kann ich "geistlich" leben, im guten Sinn "spirituell" sein, auch wenn ich den Frieden des Eins wenig spüre. "Und wo keine Liebe ist, tu Liebe hin, und du kriegst Liebe", verspricht Johannes vom Kreuz – wohl wissend, dass Jesus dieses Ergebnis zu Lebzeiten nicht sah.

6) Mitherrschende Selbst- und Nächstenliebe stellt sich in den Dienst des guten Herrn

"Wie Gott zu sein", ist uns zum Glück für die Erde unmöglich, teilhaben aber dürfen, ja sollen wir sogar an Gottes guter Herrschaft. Gemeinsam glauben Juden, Christen und Muslime, dass Adam (samt Eva) zu Gottes Statthalter, Kalif auf Erden eingesetzt ist. Zwar kann – wie alles – auch dieser Auftrag von Autoritäten im Eigeninteresse missbraucht werden, dann kommt es zu großen und kleinen Imperialismen. Wegen dieser Gefahr gar nicht herrschen zu wollen, ist aber nur für einzelne möglich, nie für alle. Die modisch sanften Väter tun Kindern nicht nur gut. Heilige sollen nicht Könige sein wollen, wohl aber Könige heilig.

D) Joachims Prophetie

Nicht nur im Leben der einzelnen fällt der Akzent mal mehr auf die eine, dann deutlicher auf eine andere trinitarische Polarität. Auch in der großen Offenbarungsgeschichte gibt es laut Joachim von Fiore (+ 1202) drei Etappen: Von Abraham bis Jesus galt das Zeitalter des Vaters, seit Jesus gilt das des Sohnes, bald werde das Neue Zeitalter des Heiligen Geistes hereinbrechen. Seit ich Joachim vor drei Jahren kennen lernte, glaube ich ihm; das damals Geschriebene sei hier bekräftigt.

Im jetzigen Zusammenhang schlage ich vor: Seit Abraham hat die Du-Achse Gott-Geschöpf im Glauben Israels ihren geschichtlichen Ort. Senkrecht zu ihr und mit ihr zusammen bildet seit der Menschwerdung Gottes in Jesus die Ich-Achse die von der Spannung Religion/Humanismus belebte Fläche des christlichen Glaubens. In unseren Tagen schließlich ereignet sich die (von Joachim irrtümlich für 1260 erwartete) Offenbarung der Eins-Achse des Heiligen Geistes. Ähnlich wie an Sokrates die Ich-Offenbarung lange vor ihrer Aufnahme ins Gottesvolk erging, hat Buddha die Eins-Offenbarung schon längst empfangen, in Indien, China, Japan lebt sie seit Jahrtausenden, aber erst im jetzigen "New Age" (der Begriff stammt von den Joachimiten) wird sie, die seit Pfingsten das Leben der Kirche erfüllt, endlich als voll gültige dritte Dimension auch ihr Denken immer deutlicher bestimmen. Komm, Heiliger Geist!

Nürnberg, 8. Dezember 2008, Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens


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