ˇJürgen Kuhlmann: Renn-Maus und Zen-Katze

Jürgen Kuhlmann: Kat-holische Gedanken

Renn-Maus und Zen-Katze

Ein wichtiger Dialog, der jetzt seinen Kairós hat, d.h. "dran" ist


"Innerhalb des Käfigs stand ein Baumstumpf, der oben sogar noch einige Reiser hervortrieb - an diesen Baumstumpf aber war heimtückischerweise eben jenes "Rad" befestigt: es bestand aus zwei parallelen Reifen, die mit kleinen Querbalken verbunden waren; diese Querbalken bildeten eine kreisrunde, in sich geschlossene Leiter ohne Anfang und Ende. Aus irgendeinem Grund war das Eichhörnchen seines Baums und auch der oberen zarten Zweige müde geworden und in diese Trommel geschlüpft, obwohl niemand es dazu gezwungen hatte und es dort auch nichts zu fressen vorfand. Vielleicht war es von einer geringen Drehung des "Rades" angelockt worden. Es hatte anfangs sicher leichtfüßig und neugierig die Sprossen dieser Leiter genommen - es wußte ja noch nicht, in welch grausame Falle es geraten war (als das Tier dann begriff, war es zu spät!). Der rötliche, spindelförmige Körper des Tierchens, sein rotbrauner Schwanz wölbten sich in diesem wahnsinnigen Lauf schon bogenförmig über der Leiter, die Sprossen verschmolzen ineinander, alle Kräfte des Tieres waren darauf gerichtet, die Leiter zu überwinden - aber sie nahm kein Ende, das Tier raste auf immer an derselben Stelle weiter und weiter!" (A. Solschenizyn, "Krebsstation", Band 2, Neuwied 1969, S. 286f.)

Viele von uns werden sich in diesem Eichhörnchen wiedererkennen. Gibt es einen Ausweg? Läßt das wirbelnde Rad sich anhalten? Gesetzt, dies gehe äußerlich nicht: gibt es verschiedene Weisen, es zu treten, eine unfreie und eine freie?

Aus Japan erreichen uns seltsame Berichte von Managern, die plötzlich "die Erleuchtung erlangt" hätten - und danach eher noch tüchtiger und erfolgreicher geworden seien. Gibt es das wirklich, was in der alten Zen-Geschichte die Katze erzählt: "In meinem Nachbardorf lebte ein Kater. Der schlief den ganzen Tag. Irgend etwas, das nach geistiger Kraft aussah, war nicht an ihm zu bemerken. Er lag da wie ein Stück Holz. Niemand hatte ihn je eine Ratte fangen sehen. Aber wo er war, gab es ringsherum keine Ratten! Und wo auch immer er auftauchte oder sich niederließ, ließ keine Ratte sich sehen" (Dürckheim, "Zen und wir", Fischer-Taschenbuch 1539, S. 122).

Da wir keinen Grund haben, an solch östlicher Weisheit zu zweifeln: wie könnte ein Europäer, dem das Wort "Mystik" bislang eher negativ klang, das Geheimnis den Zen umrißhaft erfassen? Die positive Erfahrung braucht Einweisung und Übung, so viel sieht er ein. Aber läßt sich wenigstens die Richtung zeigen und so vielleicht ein ausdrückliches Bedürfnis nach der Erleuchtung wecken?

Vieles scheint selbstverständlich und ist doch falsch. Die in einem runden Zimmer eingesperrte Maus "weiß", daß es keine Grenze gibt; immer hat sie freie Bahn vor sich. So eilt sie darauf los, immer an der Wand lang, bis zur Erschöpfung. Denn der Schein trügt. Nur darum ist die Linie in der ersten Dimension grenzenlos, weil sie in sich selbst zurückläuft. Könnte die Maus die zweite Dimension entdecken, das heißt sich plötzlich senkrecht zu ihrer bisher selbstverständlichen Linie einstellen, dann stieße sie, sofort oder bald, auf die unerbittliche Grenze. Vielleicht aber auch irgendwann auf die Schwingtür, die ins Freie führt.

Wir Menschen sind klüger als eine solche Renn-Maus. Wirklich? Zwar erfassen wir mit einem Blick die Begrenztheit eines räumlichen Verlieses. Es gibt aber eine andere Dimension. die wir zumeist nicht bemerken, weder als Grenze noch als Ausweg, weil wir gleich jener Maus die Nase stets eifrig vorne haben, in der Richtung, die uns selbstverständlich scheint.

Offene Weite

Mancher Witz strahlt heller als ganze Bibliotheken voller Wissenschaft. Da gibt es die Geschichte von dem Mann mit der leeren Flasche in der Linken, der sich mit der Rechten Immerfort um eine Plakatsäule herumtastet, bis ihm die furchtbare Erkenntnis aufblitzt: "Entsetzlich - lebendig eingemauert!" Man lacht über den armen Betrunkenen und merkt nicht, daß er (symbolisch) einen Schritt weiter ist als (in Wirklichkeit) man selbst. Er konzentriert sich auf die innere Grenze, die von den meisten noch nicht einmal geahnt wird. Insofern ist er wesentlich aufgeklärter als so manche Menschenmaus, die munter im Kreis rennt und noch nicht weiß, wie eingesperrt sie ist. Er müßte jetzt in derselben Dimension bleiben, in der er auf die Grenze stößt, und nur die Richtung umpolen: dann stünde er frei vor der offenen Weite.

"Offene Weite" ist ein berühmtes Zen-Stichwort. Tatsächlich kann die Ineinander-Meditation von Maus- und Säulengleichnis uns die Richtung weisen, in welcher die Erleuchtung, der Zen-Durchbruch, auf uns wartet. Es gilt, von der uns selbstverständlich erscheinenden Festgelegtheit auf den eigenen individuellen Standpunkt loszukommen, ohne freilich dieses Bemühen seinerseits zum neuen "höheren" Standpunkt zu machen. "Laß dich, und laß auch dein Lassen", hieße das in Meister Eckarts Sprache. Solange jemand hilflos nur um die Litfaßsäule der eigenen Individualität kreist, kommt es nicht darauf an, ob deren Plakate von Pornofilmen künden oder von einem erlesenen Konzert, unfrei ist er allemal.

Christentum und Buddhismus

Wer sich ohne Vorbehalte zum kirchlich-dogmatischen Glauben an Jesu Gottheit bekennt (eine andere Frage ist, wie man den heute am besten ausdrückt; doch darum geht es hier nicht), eben der sollte bei der Aufgabe, sich "zu lassen", Hilfe eher von den Buddhisten als von der eigenen kirchlichen Tradition erwarten. Warum? Nun: gemäß dem christlichen Glauben ist Jesus von Anfang an der heile Mensch schlechthin. Daraus folgt aber: Jesus ist nie ein heiler Mensch geworden. Er hat jene doppelte Bekehrung vom naiven Rundlauf um sich selbst zur schmerzlichen Grenzerfahrung und dann zur offenen Weite nie vollziehen müssen, vielmehr seit jeher in der offenen Weite des Seins gelebt.

Christus ist nie ein heiler Mensch geworden. Also können wir zwar an Ihm sehen, wie ein heiler Mensch lebt, nie aber von Ihm lernen, wie man ein solcher wird. Diese Folgerung scheint zwingend, zudem wird sie auch von der Geschichte bestätigt. Tatsächlich haben wir Christen es bis heute nicht recht gelernt, uns zu lassen und die große Einheit zu leben.

Sich selbst lassen und die offene Weite gewinnen - wie sieht das für ein Christenleben aus? Das Vertrackte ist: gar nicht. Alles, was aussieht und sich beschreiben läßt, kann ein Mensch auch selbstbezogen tun. Die Umkehrung stimmt freilich nicht: wer von sich freigekommen ist, wird nicht mehr die Praktiken des Egoismus mitmachen können. Der Unterschied zwischen Verhaftetheit und Freiheit wirkt sich zwar im Äußeren aus, hat seinen Ort aber im Bewußtsein.

Rück- oder Wiedergeburt?

"Renate" wird meist mit "die Wiedergeborene" übersetzt. Das ist nicht falsch. .,Re" heißt aber ursprünglich "zurück", Renate wäre also die "Zurückgeborene". Den wahren Sinn der Wiedergeburt erfaßt nur, wer beide Bedeutungen zusammendenkt: "wieder-zurück" fügt dem "Zurück" nichts hinzu; jede Zurückbewegung erfolgt ja insofern "wieder" zurück. Wir müssen anders denken: zurück, das heißt: wieder aufs Neue geboren ...

Damit ist das Rätsel scharf gestellt. Es zu lösen, brauchen wir nur ein Ungeborenes mit einem aktiv Handelnden zu vergleichen. Der setzt sich Ziele, plant Mittel, entscheidet, verwirklicht, bewertet das Ergebnis. Aus diesen Takten besteht der Rhythmus des geschichtlichen Daseins. Sie alle sind dem Ungeborenen noch fremd. Erst mit seinem Geburtstag beginnt ein Mensch seinen geschichtlichen Lebenslauf.

Auf zweierlei Weise nun kann jemand bewußtseinsmäßig "zurückgeboren" werden. Entweder "nur" zurück: der Psychologe spricht von Regression. Beispiele dafür sind Schlaf, Sauna, Rausch. Da läßt der Mensch sich aus seiner geschichtlichen Verantwortung zurücksinken in den vorgeschichtlichen Zustand tatloser Geborgenheit. Dieser Rückfall vor die Geschichte ist notwendig; stets muß unser Bewußtsein seinen Rhythmus neu am Anfang beginnen. Wer immer nur in der Geschichte bliebe, nach jedem Ergebnis gleich wieder zu Ziel und Planung sich kehrte, wäre bald erledigt.

Auch wer solche Erholungsetappen zwar einlegt, im Grunde aber nur als nötige Mittel zur Erhaltung seiner Tatkraft ansieht, gleicht exakt der rundlaufenden Maus. Jahrzehntelang mag er sein Programm durchhalten, trotzdem ist er innerlich krank und wird es irgendwann auch körperlich werden: "Derartige Fehleinstellungen lassen sich nicht medikamentös behandeln. Im Gegenteil: sie werden durch sogenannte Tranquilizer insofern verstärkt, als der Kranke sein Leben wie bisher weiterleben kann, nur mit dem Unterschied, daß die Folgen der Fehleinstellung durch das Medikament nicht mehr spürbar sind. Die Sensibilität, die der Patient für die Entwicklung eines selbstverantworteten Lebens braucht, wird vom Arzt wegtherapiert" (P. Matussek, FAZ v. 27.12.79) - soviel zur Rückgeburt.

Was hat es aber nun mit der Rück- und Wiedergeburt auf sich? Es gibt nicht nur ein vorgeschichtliches Einheitserlebnis, sondern auch ein nachgeschichtliches. Jenes ist gewissermaßen trunken, dieses überaus nüchtern. Bei ihm läßt sich der Mensch nicht in die Urgeborgenheit vor der Geburt zurücksinken, sondern bricht nach vorne durch. Ähnlich wie der Embryo aus der Enge des Mutterschoßes "zur Welt kommt", in die Weite seines individuellen Lebens, so führt die Wiedergeburt heraus aus der Verhaftetheit ans individuelle Leben und läßt den, der ich geschichtlich geworden bin (samt meinen Zielen, Plänen, Entschlüssen, Taten und Ergebnissen) sich auf einmal in der großen Einheit wiederfinden, klar konturiert, ohne meine Dies- und Soheit zu vergessen (wie bei der Regression), aber nicht mehr eigensüchtig auf Erfolg oder Mißerfolg meines geschichtlichen Handelns fixiert.

Vielmehr liegt in diesem nachgeschichtlichen Takt des geistigen Rhythmus das Ergebnis ja sowieso schon fest; dumm wäre ich also, machte ich mir seinetwegen Sorgen. Gleich, wie es um mich und meine Dinge steht - daß große ganze Eine ist immer ES selbst. Und hätte es mich, diesen, nie gegeben - stünde die Tanne da doch ebenso in ihrer Schneepracht vor dem blauen Himmel wie jetzt, da sie das auch für mich tut. Deshalb betrachte ich im Winter sie, im Sommer die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes, versuche die Landschaft mit den Augen eines chinesischen Malers zu sehen oder trinke meine Tasse Tee in Andacht: Nichts auf der Welt ist wirklicher als sie.

Freilich ist das leichter geschrieben als gesagt und leichter gesagt als getan. In Wahrheit ärgere ich mich bei jedem Spaziergang, daß ich meist weder gehe noch sehe, sondern denke. Ach, der Vollzug der Wiedergeburt muß stets neu erkämpft werden und trotzdem wird kein Kampf ihn erringen; denn solange ich kämpfe und frage, ob ich "es" habe, habe ich es bestimmt nicht. Der Schüler betritt das Zimmer des Meisters, und dieser erkennt, daß der Schüler Satori hatte. Und nun macht er eine letzte Prüfung. Der Schüler kniet schweigend, und der Meister sagt freundlich: "So, nun hast du es also!" Und der unglückliche Schüler antwortet: Ja, Meister, ich hab's." "Nichts hast Du mehr!" brüllt der Meister ihn an, "scher dich hinaus!" (Dürckheim, S. 84)

Doch wenigstens einen Trost hat der Mensch, der sich um nachgeschichtliche Freiheit von seiner Eigen-Sucht müht. Sein Leiden an sich selbst zeigt ihm an, daß er nicht mehr so verloren und seinsvergessen wie jene Renn-Maus ist. Wohl haftet er noch an seiner Säule, doch indem er sie als Hindernis "durchschaut", ist ihr Bann schon gebrochen. Statt mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, von der er sich lebendig eingemauert wähnt, müßte er nur seine Lebensrichtung total umkehren. Erst dann liegt die offene Weite frei vor ihm.

Wie ist diese Umkehr zu bewerkstelligen? Dazu gibt Dürckheim kluge Ratschläge. Zum Schluß mein Rat an jemanden, der etwa Bedenken hat, sich als Christ auf Zen einzulassen: Fürchten wir uns nicht. Mögen die Wissenschaftler beider Seiten weiter forschen, welche Lehren welcher Zen-Richtungen mit welchen Spielarten welcher christlichen Traditionen vereinbar seien oder nicht. Hier gibt es noch viele hochinteressante Doktorarbeiten zu verfassen. Die Kerne, das heißt Zentralwahrheiten von Christentum und Zen, sind ähnlich unvereinbar und vereinbar wie das Ja einer kirchlichen Trauung mit der gemeinsamen Wasserskifahrt des Paares. Beides zugleich zu tun dürfte äußerst schwer sein; zu verschiedenen Zeiten vollzogen, ergänzen beide Erlebnisse einander aufs beste.

Es gibt keine christliche Mathematik, doch Christen treiben Mathematik; es gibt keinen christlichen Schwimmsport, aber Schwimmer können Christen sein. Ebenso gibt es strenggenommen kein christliches Zen, aber wir Christen tun gut daran, uns in Zen einführen zu lassen. Denn nochmals: Jesus ist nie ein heiler Mensch geworden, also können wir von ihm nicht lernen, wie man einer wird. Eben das aber ist die Botschaft des Zen.

Leicht gekürzt veröffentlicht in "Christ in der Gegenwart" v. 19. Oktober 1980


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